Die zentral organisierte „Euthanasie“-Maßnahme „Aktion T4“ fordert mindestens 243 Opfer aus der Landeserziehungsanstalt Chemnitz-Altendorf.
Betroffen sind Zöglinge, die beispielsweise an Schizophrenie, Epilepsie oder „angeborenem Schwachsinn” leiden oder seit 5 Jahren auf der Pflegestation leben. Die Pflegestation ist seit dem Jahr 1933 immer wieder vergrößert worden. Dort sind die als bildungsunfähig eingestuften Zöglinge untergebracht.
1940 ordnet das Innenministerium des Landes Sachsen die Verlegung der Zöglinge an. Die Pflegestation wird komplett aufgelöst.
Die Zöglinge kommen zunächst in Zwischenanstalten, meist nach Arnsdorf oder Hubertusburg. Von da aus werden sie zwischen dem Frühjahr 1940 und dem Sommer 1941 nach Pirna-Sonnenstein verlegt. Pirna-Sonnenstein ist eine von sechs Tötungsanstalten des Deutschen Reiches.
Die Angehörigen der Opfer erfahren von Verlegungen erst im Nachhinein. Ihnen wird kaum eine Möglichkeit geboten, sich dagegen zu wehren. Viele Angehörige suchen nach ihren Kindern oder Geschwistern. Briefe zeugen von der Verzweiflung der Familien.
So ist in einem Brief zu lesen:
„Warum wird das Kind vom Elternort soweit weggeschafft ohne das die Eltern befragt werden? Es besteht doch gar keine Möglichkeit, das Kind mal zu besuchen […] Die einfachste Lösung wäre doch gewesen, Sie hätten mich damals benachrichtigt, daß ich meine Tochter nach Hause holen kann.“
Nach dem Mord erhalten die Angehörigen einen standardisierten Trostbrief. Er liefert gezielte Falschinformationen über das Sterbedatum, den Sterbeort und die Todesursache.

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Biografien der Opfer
Günter H. Neubauer
Günter Heinz Neubauer wurde am 7. Mai 1929 in Chemnitz als unehelicher Sohn der Nadelarbeiterin Helene Neubauer geboren. Seine frühe Kindheit verbrachte er bei seiner Mutter und seinen Großeltern in Adelsberg. Zunächst entwickelte er sich unauffällig, doch bereits im Kleinkindalter zeigten sich gesundheitliche Probleme und eine geistige Behinderung. Aufgrund nationalsozialistischer Erb- und Gesundheitspolitik wurde er 1936 nach ärztlichen Begutachtungen gegen den Willen der Familie in eine staatliche Erziehungsanstalt, nämlich die „sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige Chemnitz-Altendorf“, eingewiesen.
In den folgenden Jahren lebte Günter in verschiedenen Pflegeeinrichtungen, zuletzt in der Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf. Im Zuge der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde („Aktion T4“) wurde der elfjährige Junge am 8. Juli 1940 in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein gebracht und dort noch am selben Tag in einer Gaskammer ermordet.
Seiner Mutter teilte man den Tod in einem sogenannten Trostbrief aus der Landes-Pflegeanstalt Grafeneck mit. Darin wurde wahrheitswidrig behauptet, ihr Sohn sei am 23. Juli 1940 an einer Gehirnhautentzündung gestorben; zugleich bezeichnete man seinen Tod zynisch als „Erlösung“. Der tatsächliche Mord sollte so verschleiert werden. Helene Neubauer erfuhr zu Lebzeiten nie die wahren Umstände des Todes ihres Kindes.
Heute erinnert ein Stolperstein in Chemnitz, am Eingang des Geländes der ehemaligen „sächsischen Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige Chemnitz-Altendorf“ und heutigen Rehabilitationszentrum für Blinde und Sehbehinderte an Günter Heinz Neubauer als eines der vielen Opfer der nationalsozialistischen Krankenmorde.
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Christa H. Hennl
Christa H. wurde am 12. November 1926 in Plauen geboren. Im Alter von sechs Jahren kam sie in die „sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige“ in Chemnitz-Altendorf. Am 26. Mai 1933 wurde ein Aufnahmebericht verfasst, in dem sie als äußerst lebhaftes und unruhiges Kind beschrieben wird. Sie sprach viel und deutlich, abgesehen von kindlichem Stammeln. Christa kannte viele Dinge ihrer Umgebung, führte kleine Aufträge schnell und sicher aus und zeigte Unterscheidungsvermögen. Ein Form-, Farben- und Zahlensinn sei jedoch nicht erkennbar gewesen. Sie ahmte nach, verfügte über ein gutes Ortsgedächtnis und wusste, wohin einzelne Dinge gehörten. Technisch war sie noch ungeschickt, insbesondere beim selbstständigen Bedienen. Einen Schulbesuch hatte sie noch nicht absolviert, machte jedoch den Eindruck einer guten körperlichen und geistigen Entwicklung. Sie zeigte Fantasie beim Sprechen, galt jedoch als kindlich frech, wollte andere Kinder beherrschen, nahm ihnen Spielzeug weg und zerstörte vieles.
Am 15. Juni 1934 wurde Christa in die Pflegeabteilung verlegt. Ein Eintrag in der Krankenakte vom 23. Mai 1940 vermerkt, dass sie geistig keine Fortschritte gemacht habe. Zeitweise sei sie ungezogen und trotzig gewesen, ansonsten fleißig und hilfsbereit bei Hausarbeiten.
Aus einem Brief ihres besorgten Vaters geht hervor, dass er am 2. August eine Nachricht von der Anstalt Pirna-Sonnenstein erhielt, dass sich seine Tochter dort befinde. Wenige Tage später bekam er Mitteilung von der Landespflegeanstalt Grafeneck bei Münsingen (Württemberg), dass sich seine Tochter seit dem 5. August dort aufhalte.
Christa H. wurde am 30. Mai 1940 nach Arnsdorf verlegt. Am 30. Juli 1940 wurde sie in der Tötungsanstalt Sonnenstein mit Kohlenmonoxid ermordet.
Auf die Anfrage ihres Vaters erhielt dieser die Antwort, dass die Pflegeabteilung aufgelöst und alle Kranken in andere Anstalten verlegt worden seien. Genauere Angaben könnten nicht gemacht werden („Auskunftserteilung unmöglich“).
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Herbert E. Zimmermann
Herbert Z. wurde am 18. Dezember 1933 in Dresden geboren.
Am 31. Mai 1940 wurde er nach Arnsdorf verlegt. Am 31. Juli 1940 wurde er in der Tötungsanstalt Sonnenstein ermordet.
Am 19. November 1940 wandte sich das Jugendamt Dresden mit einer Anfrage an die zuständigen Stellen. Es wurde um Mitteilung gebeten, ob das Kind Herbert Z. von der Landesanstalt Arnsdorf wieder „dorthin“ (in die „sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige“ in Chemnitz-Altendorf) zurückverlegt worden sei, da es sich seit dem 31. Juli 1940 nicht mehr dort befinde und nähere Angaben über seine Unterbringung nicht mitgeteilt werden könnten.
Die Antwort der Anstaltsdirektion in Chemnitz-Altendorf lautete, dass Herbert Z. von dort nach Arnsdorf entlassen, jedoch nicht wieder in die Anstalt in Chemnitz zurückverlegt worden sei. Sein tatsächliches Schicksal – die Ermordung in Sonnenstein – wurde verschwiegen.
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Helmut W. Panisch
Helmut P. wurde am 31. Juli 1925 in Lichtenstein-Callenberg geboren.
Am 25. September 1940 wurde er nach Arnsdorf verlegt, und am14. November 1940 in der Tötungsanstalt Sonnenstein ermordet.
In einem Brief vom 28. November 1940 wandte sich ein Angehöriger an die Direktion der Landesanstalt Chemnitz-Altendorf. Darin wurde um Auskunft gebeten, ob Helmut an einem Nierenleiden gelitten habe und weshalb er sich nicht mehr in der Landesanstalt Arnsdorf befinde, sondern in der Pflegeanstalt Grafeneck in Münsingen. Gleichzeitig wurde mitgeteilt, dass Helmut am 24. November 1940 um 15 Uhr an einer Nierenentzündung verstorben sei; die Sterbeurkunde sei eingegangen.
Der Brief bringt deutlich Zweifel und Unverständnis zum Ausdruck: Im Juli sei Helmut noch im Urlaub gewesen, im August sei er nach Arnsdorf gekommen, am 20. November nach Grafeneck verlegt worden und bereits am 24. November 1940 verstorben. „Es geht nicht mit richtigen Dingen zu“, heißt es in dem Schreiben. Die Familie verlangte ein Gesundheitszeugnis.
Tatsächlich wurde Helmut P. bereits am 14. November 1940 in Sonnenstein ermordet. Die offiziell mitgeteilte Todesursache diente der Verschleierung.
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Ludwig E. Rux
Ludwig Rux wurde am 10. April 1923 in Zwickau geboren. Im Alter von sechs Jahren kam er in die „sächsische Landeserziehungsanstalt für Blinde und Schwachsinnige“ in Chemnitz-Altendorf. Etwa um 1930 entschieden sich die Eltern, ihn in ein Heim zu geben, da inzwischen fünf jüngere Geschwister geboren worden waren. Die Einrichtung wurde als „Pflege- und Heilanstalt“ bezeichnet, zunächst vermutlich in Chemnitz-Altendorf, später in Arnsdorf bei Dresden.
In den Sommerferien wurde Ludwig regelmäßig nach Hause geholt. Die Familie lebte im Ortsteil Weißenborn in einem Siedlungshaus mit großem Garten. Die Freude über die Heimkehr war bei Ludwig stets sehr groß. Er war lebhaft, genoss das Familienleben und benötigte viel Aufmerksamkeit. Die jüngeren Geschwister mussten auf ihn aufpassen, was ihnen nicht immer gefiel.
Er hänselte seine Geschwister gern mit Reimen wie „Achim-Bachim“ oder „Hilde-Bilde“. Seine Eltern sprach er mit „Frau Müller“ und „Papa“ an. Unbeobachtet verfiel er oft in träumerische Zustände, wobei sein Oberkörper ununterbrochen vor- und zurückging. Dabei murmelte er wiederholt „Hia-Hurlebär“, ohne dass jemand wusste, was das bedeutete.
Wenn die Ferien zu Ende gingen, stand er häufig am Schlafzimmerfenster im Obergeschoss, das nach Osten in Richtung Pölbitz zeigte. Dort verlief die Bahnlinie von Zwickau nach Chemnitz. Dann sagte er traurig: „Die Schienen gucken mich so an.“
Am 1. September 1938 wurde Ludwig in die Pflegeabteilung verlegt. Am 30. Mai 1940 erfolgte die Verlegung nach Arnsdorf, wobei er zwei Monate später, am 30. Juli 1940 in der Tötungsanstalt Sonnenstein ermordet wurde.
Sein Bruder Joachim R. suchte viele Jahre lang nach Aufklärung über Ludwigs Schicksal. Erst 2006 brachten Nachforschungen in Sonnenstein sowie die Krankenakten aus dem Bundesarchiv in Berlin endgültige Gewissheit.
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